Unser Vereinsmitglied Rolf Lang hat dem Verein die Ergebnisse seiner Recherche zum Warenhaus Hermann Tietz in München zur Verfügung gestellt. Hierfür vielen Dank.
Am 16. April 1889 eröffnete Hermann Tietz am Karlsplatz 23 ein „Garn-, Knopf-, Posamentier-, Weiss- und Wollwaarengeschäft“. Die Geschäftseröffnung wird per Zeitungsinserat angezeigt. Darin wird mit „billigsten Preisen“, „erprobten Qualitäten“ und „grösster Auswahl namentlich in Neuheiten“ geworben [1]. Neben dem Geschäft am Karlsplatz 23 gab es drei weitere Filialen: Rumfordstraße 1b, Theresienstraße 30 und in der Neuhauserstraße 32 [2]. Im Jahr 1895 entschlossen sich Oscar Tietz und sein Großvater Hermann Tietz zum Umzug in das Bürohaus Schützenstraße 1a [1] [2, S. 39 f]. Dieses Haus hatte Oscar Tietz bereits vorher zur finanziellen Absicherung von Frau und Kind gekauft [3, S. 39f.]. Daraufhin kündigten sofort alle Mieter, da sie kein Büro im „Jud-Tietz-Palast“ haben wollten. Das Gebäude in der Schützenstraße existiert noch heute – allerdings weiß kaum noch jemand, dass sich dort einst das Warenhaus Hermann Tietz befand.
Nach dem 10-jährigen Bestehen des Warenhauses wurde aufgrund der zwischenzeitlichen Expansion ein erneuter Umzug zwecks Erweiterung notwendig. Bis 1905 entstand am Bahnhofplatz 7 das neue, repräsentative Warenhaus Hermann Tietz als moderner Konsumtempel (s. Bild). Das Warenhaus wurde als „Größtes Kaufhaus Süddeutschlands für alle Artikel des täglichen Bedarfs“ beworben. Im Haus gab es eine eigene Werkstätte und eine eigene fotografische Abteilung. Das Kaufhaus Tietz hatte – nach englischem Vorbild – eine Dachgartenanlage für den Rundblick über München mit dazugehörigem Restaurant. Der Erfolg führte dazu, dass der Standort Bahnhofplatz 7 im Jahr 1929 eine bedeutende Erweiterung durch den Aufkauf von fünf benachbarten Gebäuden erfuhr [1]. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurde die Familie Tietz enteignet und der Firmenname in „Hertie“ geändert. Nach dem 2. Weltkrieg kam es zur Restitution. Die Wiedergutmachungsforderungen von Georg und Martin Tietz, den Söhnen von Oscar Tietz, sowie dessen Schwiegersohn Hugo Zwillenberg wurden vom Münchner Rechtsanwalt Fritz Neuland, dem Vater der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, gegenüber der Hertie GmbH durchgesetzt [4, S. 258]. Das Warenhaus bestand unter dem Namen „Hertie“ bis 1994 und wurde dann von Karstadt übernommen. Im Jahr 2023 wurde das Haus geschlossen, da es nicht mehr als rentabel angesehen wurde. Das Gebäude am Bahnhofplatz existiert noch immer.
Quellen und Nachweise
[1] Stadtarchiv München, Zeitungsausschnitte: DE-1992-ZA-04819 – Firmen – Tietz, Hermann & Co., 1889-1934
[2] Adressbuch von München 1894. Herausgegeben von der kgl. Polizei-Direktion, S. 463
[3] Georg Tietz: Geschichte einer Familie und ihrer Warenhäuser, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1965
[4] Johannes Bähr; Ingo Köhler: Verfolgt, „arisiert“, wiedergutgemacht? Wie aus dem Warenhauskonzern Hermann Tietz Hertie wurde, Siedler Verlag 2023
Bild: Das Warenhaus Hermann Tietz am Münchner Bahnhofsplatz (Postkarte R. Lang)
